Hochschuldidaktik · Theologie

Lehren & Lernen
Theologie BA/MA

Modulares Methoden-Wiki für Seminare und Vorlesungen. Evidenzbasiert, praxisnah, sofort anwendbar.

8–25 Studierende
Bachelor & Master
Alle Fachbereiche

Das System auf einen Blick

Drei Lernziel-Typen bestimmen die Methodenwahl. Alle Module folgen einem Grundprinzip: aktive Verarbeitung statt passiver Aufnahme — auch bei reinem Faktenwissen.

A

Wissen verankern

Kanon, Archäologie, Dogmengeschichte, biblische Bücher, Kirchengeschichte. Fakten, die sitzenbleiben müssen — nicht als träges Wissen, sondern kontextuell und vernetzt.

B

Verstehen & Vergleichen

Theologiegeschichte, Hermeneutik, Dogmatik. Theorien und Positionen werden nicht nur benannt, sondern verglichen, eingeordnet und diskutiert.

C

Anwenden & Urteilen

Ethik, Gemeindepädagogik, Exegese. Wissen wird als Werkzeug genutzt: Fallarbeit, Dilemma-Diskussionen, produktive Aufgaben.

Das Kernproblem

Träges Wissen entsteht, wenn Fakten ohne Kontext gelernt werden. Studierende können sie in der Prüfung abrufen — aber ein Jahr später ist alles weg. Das Ziel ist Wissen, das hält.

Das Grundprinzip

Input der Lehrperson kommt nie zuerst. Zuerst aktivieren, erarbeiten, diskutieren — dann kommt der Vortrag als Ergänzung auf vorbereiteten Boden.

Für 8–25 Personen

Diese Gruppengrösse ist didaktisch ideal: Peer-Dynamik ist stark genug, aber Grossgruppenprobleme entfallen. Fast alle Methoden dieses Systems sind direkt anwendbar.

Wie nutze ich dieses Wiki? Wähle in der Navigation den Lernziel-Typ (A/B/C) oder das Fachgebiet. Jede Methodenkarte lässt sich aufklappen für vollständige Ablaufbeschreibung, didaktischen Hintergrund und Varianten. Der Reiter «Theoriewiki» erklärt die wissenschaftliche Grundlage.
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Typ A — Wissensverankerung

Kanon · Archäologie · Dogmengeschichte · Biblische Bücher · Konfessionen · Kirchengeschichte · Prophetie

Pre-Testing & Wissensblitz

Jede Sitzung beginnt mit dem Abruf — nicht mit neuem Input. Stärkster Effekt auf Langzeitbehaltensleistung.

AktivierungEinstieg≤ 15 Min.
⏱ 10–15 Min.👥 8–25

Strukturlegetechnik

Begriffe auf Kärtchen werden zu einem Netz gelegt. Ideal für Kanon, Prophetenchronologie, archäologische Perioden.

KooperativVernetzen25–35 Min.
⏱ 25–35 Min.👥 10–25

Netzwerk-Methode

Jede Person wird Expertin eines Begriffs und erklärt ihn den anderen. Lernen durch Lehren verankert am tiefsten.

Peer-Teaching25–40 Min.
⏱ 25–40 Min.👥 10–20

Gruppen-Puzzle (Jigsaw)

Arbeitsteilige Expertise: Stammgruppen → Expertenrunden → Stammgruppen. Jeder unterweist alle anderen.

Kooperativ45–60 Min.
⏱ 45–60 Min.👥 12–24

Muddiest Point & One-Minute-Paper

Abschluss jeder Sitzung: Was ist unklar? Was war die wichtigste Erkenntnis? Sofortfeedback.

CATFeedback≤ 10 Min.
⏱ 5–10 Min.👥 8–25

Advance Organizer

Überblick und Struktur vor dem Detail — kognitives Gerüst als Ankerpunkt für neue Information.

Einstieg10–15 Min.
⏱ 10–15 Min.👥 8–25

Typ B — Verstehen & Vergleichen

Dogmatik · Theologiegeschichte · Hermeneutik · Systematische Theologie · Konfessionskunde

Positionenvergleich

Statt «Nennen» lieber «Vergleichen»: selbes Wissen, tiefere Verarbeitung, höhere Behaltensleistung.

Analyse20–30 Min.
⏱ 20–30 Min.👥 8–20

Aquarium-Diskussion

Innenkreis diskutiert, Aussenkreis beobachtet mit Auftrag. Ideal für konfessionelle Vergleiche oder Kanondebatten.

Diskussion30–45 Min.
⏱ 30–45 Min.👥 12–20

Zeitstrahl-Kollaboration

Gruppen bauen gemeinsam einen Zeitstrahl (Dogmengeschichte, Kirchengeschichte) und ordnen Personen, Ereignisse, Konzepte ein.

Visualisierung25–35 Min.
⏱ 25–35 Min.👥 10–20

World Café

Rotierende Kleingruppen diskutieren an verschiedenen «Tischen» je eine Frage. Ergebnisse werden akkumuliert.

Kooperativ40–50 Min.
⏱ 40–50 Min.👥 12–25

Typ C — Anwenden & Urteilen

Ethik · Sozialethik · Gemeindepädagogik · Seelsorge · Angewandte Theologie

Think–Pair–Share mit Dilemma

Konkreter ethischer Fall, individuelle Position, Paardiskussion, Plenumsdebatte. Dogmatisches Wissen wird als Argument genutzt.

KooperativEthik25–35 Min.
⏱ 25–35 Min.👥 8–25

Theologisches Planspiel

Studierende vertreten historische Positionen (Konzil, Reformation). Fakten werden zu rhetorischen Werkzeugen.

Rollen45–60 Min.
⏱ 45–60 Min.👥 12–24

Sokratisches Gespräch

Lehrperson stellt nur Fragen, nie Antworten. Studierende erarbeiten durch Gegenfragen die Tiefenstruktur eines ethischen Problems.

Dialog30–45 Min.
⏱ 30–45 Min.👥 8–16

Theologischer Brief

Studierende schreiben einen Brief an eine Person in einer konkreten Lebenssituation — theologisch fundiert, seelsorglich formuliert.

ProduktionSeelsorge20–30 Min.
⏱ 20–30 Min.👥 8–20
📖

Exegese, Homiletik & Gemeindepädagogik

Produktionsorientierte Methoden stehen im Vordergrund — Exegese als Handwerk, nicht als abstrakte Übung.

Fallbasierte Exegese

Ein konkreter Predigtauftrag oder Seelsorgefall als Ausgangspunkt. Exegese entsteht aus dem Bedarf — nicht umgekehrt.

ProduktionExegese45–60 Min.
⏱ 45–60 Min.👥 8–20

Text-Tennis

Paare arbeiten einen Text Abschnitt für Abschnitt durch: lesen, wiedergeben ohne Text, Feedback. Deckt Scheinverständnis sofort auf.

Tandem30–40 Min.
⏱ 30–40 Min.👥 8–20

Peer-Teaching mit Fragen

Paare bereiten nicht ein Referat vor, sondern 5 Fragen — von «Erinnern» bis «Urteilen». Tiefste Verarbeitungsstufe.

Peer-Teaching30–45 Min.
⏱ 30–45 Min.👥 10–20

Predigt-Labor

3-Minuten-Predigten im Seminar: Text wählen, Kernaussage formulieren, vor Gruppe halten, strukturiertes Feedback erhalten.

Homiletik45–70 Min.
⏱ 45–70 Min.👥 8–16

Digital & Hybrid

Methoden für digitale Lernumgebungen, Hybridveranstaltungen und asynchrone Phasen.

LiveVoting & Quiztools

Mentimeter, Slido oder Kahoot für anonyme Einstimmung oder Wissensabfragen. Sichtbarkeit schafft Gesprächsanlass.

DigitalAktivierung10–15 Min.
⏱ 10–15 Min.👥 8–25

Inverted Classroom

Input als Video/Podcast vor der Sitzung. Präsenzzeit vollständig für aktive Verarbeitung nutzen.

FlippedSelbststudium
⏱ Kontaktzeit flexibel👥 8–25

Breakout-Rooms

Kleingruppen in Zoom/Teams für kooperative Aufgaben — dann Plenum. Strukturauftrag ist entscheidend für den Erfolg.

OnlineGruppe20–30 Min.
⏱ 20–30 Min.👥 8–25

Digitales Pinboard (Padlet)

Ergebnisse, Fragen oder Assoziationen werden auf einem digitalen Board gesammelt und sortiert — synchron oder asynchron.

DigitalVisualisierung
⏱ 10–20 Min.👥 8–25

Auswahlmatrix

Schnellübersicht für die Methodenwahl nach Kontext, Gruppengrösse und Lernziel-Typ.

MethodeLernziel-TypSozialformZeit 8–1213–25Wirkung
A — Wissensverankerung
Pre-TestingErinnernEinzel → Plenum10–15 Min.✦ Ideal✦ Ideal
StrukturlegetechnikErinnern + VernetzenKleingruppe25–35 Min.✦ IdealMöglich
Netzwerk-MethodeErinnern + ErklärenEinzel → Plenum25–40 Min.✦ IdealMöglich
SituationsankerKontextuelles ErinnernKleingruppe15–20 Min.✦ Ideal✦ Ideal
Gruppen-PuzzleErinnern + LehrenStamm+Expertengruppe45–60 Min.Bedingt✦ Ideal
Advance OrganizerStrukturierenPlenum10–15 Min.✦ Ideal✦ Ideal
B — Verstehen & Vergleichen
PositionenvergleichVerstehen + VergleichenPaar → Plenum20–30 Min.✦ IdealMöglich
AquariumAnalysieren + UrteilenInnen-/Aussenkreis30–45 Min.Bedingt✦ Ideal
World CaféVerstehen + TransferRotierende Gruppen40–50 Min.Bedingt✦ Ideal
C — Anwenden & Urteilen
Think–Pair–ShareVerstehen + UrteilenEinzel→Paar→Plenum25–35 Min.✦ Ideal✦ Ideal
PlanspielAnwenden + UrteilenRollen + Plenum45–60 Min.Bedingt✦ Ideal
Sokratisches GesprächAnalysieren + UrteilenPlenum (moderiert)30–45 Min.✦ IdealMöglich
Exegese & Praxis
Fallbasierte ExegeseAnwendenKleingruppe45–60 Min.✦ IdealMöglich
Text-TennisVerstehen + WiedergebenTandem30–40 Min.✦ Ideal✦ Ideal
Muddiest PointMetakognitionEinzel (anonym)5–10 Min.✦ Ideal✦ Ideal
Legende: ✦ Ideal = optimale Eignung. «Bedingt» = funktioniert mit Planung. Wirkungsbalken: 5 Felder = maximale Behaltensleistung/kognitive Aktivierung nach Metaanalysen (Hattie, Bloom, Roediger).
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Lektionsplanung — Bausteine kombinieren

Vier Beispiel-Dramaturgien für typische theologische Seminarsitzungen à 90 Minuten.

Dramaturgie A · Wissenssitzung
Beispiel: Schriftpropheten — Bücher, Epochen, historischer Kontext
0–10
Pre-Testing
Wissensblitz zu Vorkenntnissen

5–7 Fragen zum Stoff der Vorwoche. Handaufheben oder Karten. Lehrperson kommentiert — nicht bewertet.

10–30
Strukturlegetechnik
Begriffe vernetzen in Kleingruppen

Kärtchen mit Prophetennamen, Epochen, Königen, Orten, Schlüsselbegriffen. Gruppen à 3–4 bauen gemeinsam ein Begriffsnetz.

30–45
Präsentation
Netze vergleichen im Plenum

Jede Gruppe zeigt ihr Netz. Unterschiede diskutieren. Hier entstehen die wichtigsten Lerngespräche.

45–65
Input
Strukturierter Input mit Advance Organizer

Lehrperson ergänzt das «Expertennetz». Jetzt landet der Input auf bereits aktiviertem Boden.

65–80
Situationsanker
Historisches Szenario

«Ihr seid Berater Hiskias — Jesaja betritt den Thronsaal.» Faktenwissen situativ verankern.

80–90
Muddiest Point
Sicherung & Feedback

Was ist unklar? Was war die wichtigste Erkenntnis? Anonym auf Karten.


Dramaturgie B · Ethiksitzung
Beispiel: Bioethik und Menschenwürde — theologisch urteilen können
0–10
Fall-Einstieg
Dilemma ohne Kommentar präsentieren

Konkreter Fall (z.B. Präimplantationsdiagnostik). Nur Fakten — keine Meinungsäusserung der Lehrperson.

10–40
Think–Pair–Share
Individuell → Paar → Plenum

5 Min. individuell Position, 10 Min. Paardiskussion, 15 Min. Plenumsdebatte. Argumente sichtbar machen.

40–55
Input
Theologische Positionen im Überblick

Lehrperson zeigt 2–3 Konfessionspositionen — nicht bewertend. Welche Argumente wurden bereits gefunden?

55–80
Stellungnahme
Schriftliche Position in Kleingruppen

Gruppen à 3 verfassen 200-Wort-Stellungnahme. Kriterien vorab: biblische Fundierung, Kohärenz, Praxisbezug.

80–90
Peer-Feedback
Gegenseitiges Feedback & Abschluss

Tauschen, zwei Rückmeldungen geben. Stärkste Argumente im Plenum.


Dramaturgie C · Theorievergleich
Beispiel: Offenbarungstheorien — Barth, Schleiermacher, Pannenberg
0–30
Gruppen-Puzzle
3 Gruppen = 3 Positionen

Erarbeitung aus Texten, dann Expertenrunden zum Abgleich. Jeder wird Experte einer Position.

30–45
Stammgruppen
Rückrunde: Unterweisen

In Stammgruppen unterweist jede Person die anderen. Jetzt ist jede Gruppe mit je einem Experten pro Position besetzt.

45–65
Aquarium
3 Positionen im Innenkreis

Je ein Vertreter pro Position diskutiert. Aussenkreis notiert: Was ist das stärkste Argument? Was fehlt?

65–90
Input + Sicherung
Plenumssynthese & Lehrperson-Input

Lehrperson ergänzt, berichtigt, vertieft. Muddiest Point als Abschluss.


Dramaturgie D · Exegese-Labor (Homiletik)
Beispiel: Predigttext erarbeiten — Röm 8,28 im Kontext Trauer
0–10
Fall-Einstieg
Predigtauftrag als Ausgangspunkt

«Du predigst in zwei Wochen bei einer Beerdigung. Die Mutter hat ihr Kind verloren. Text: Röm 8,28.»

10–35
Text-Tennis
Texterschliessung im Tandem

Text abschnittweise: lesen → ohne Text wiedergeben → Feedback → nächster Abschnitt.

35–60
Exegese
Exegetische Grundarbeit in Kleingruppen

Kontext, Auslegungsgeschichte, Kernaussage. Leitfrage: Was brauchen wir für diesen konkreten Fall?

60–80
Predigt-Labor
3-Minuten-Predigt im Seminar

Jede Gruppe formuliert eine Kernaussage und trägt sie vor. Structured Debriefing im Anschluss.

80–90
Debriefing
Was war? Was bedeutet das? Was ändern wir?

Strukturiertes Reflexionsgespräch nach dem Predigt-Labor.

Theoriewiki — Didaktische Grundlagen

Wissenschaftliche Hintergründe zu den Kernkonzepten dieses Systems. Kein Vollständigkeitsanspruch — fokussiert auf praxisrelevante Konzepte.

Learning Outcomes

Learning Outcomes (Lernergebnisse) beschreiben, was Studierende nach Abschluss einer Lehreinheit nachweislich tun können — nicht was unterrichtet wurde. Der Paradigmenwechsel von der Input- zur Outputorientierung («Shift from Teaching to Learning») gilt als einer der wichtigsten Impulse der modernen Hochschuldidaktik.

Gute Learning Outcomes sind beobachtbar und prüfbar. Sie verwenden aktive Verben («beschreiben», «vergleichen», «beurteilen») statt vage Formulierungen («verstehen», «kennen»).

Bloom-Taxonomie

Die Bloom-Taxonomie (revidiert: Anderson & Krathwohl, 2001) ordnet kognitive Lernziele in sechs aufsteigenden Niveaus an. In der theologischen Lehre werden häufig nur die ersten zwei Stufen adressiert — obwohl gerade Ethik, Homiletik und Exegese die oberen Stufen erfordern.

StufeVerb-BeispieleTheologische Beispiele
1 · ErinnernBenennen, Aufzählen, WiedergebenDie 5 Bücher der Tora nennen
2 · VerstehenErklären, Paraphrasieren, ZusammenfassenDie Urkundenhypothese in eigenen Worten erklären
3 · AnwendenDurchführen, Nutzen, AusführenExegetische Methode auf einen Text anwenden
4 · AnalysierenUnterscheiden, Vergleichen, GliedernBarths und Schleiermachers Offenbarungsverständnis vergleichen
5 · BeurteilenUrteilen, Bewerten, KritisierenEine ethische Position theologisch beurteilen
6 · ErschaffenEntwerfen, Produzieren, EntwickelnEine Predigt zu einem gegebenen Fall verfassen

SIMAANKO-Formel

Eine Hilfsformel zur Formulierung konkreter Learning Outcomes. Nicht alle Elemente müssen in jedem Lernziel vorkommen, aber die Formel schärft die Formulierung:

SIMAANKO
Formulierungshilfe für Lernziele

Subjekt (Wer?) · Inhalt (Was?) · Methode (Wie?) · Anspruchsniveau (Bloom-Stufe) · Anzahl · Nachweis (Wie wird es gezeigt?) · Kontext · Ohne Hilfsmittel / Mit Hilfsmitteln

Beispiel ohne Formel: «Studierende kennen die Propheten.» Mit Formel: «Studierende können die vier Schriftpropheten mit je einem Hauptthema und dem historischen Kontext benennen.»


Constructive Alignment

Das Konzept von John Biggs (1996) beschreibt die notwendige Kohärenz zwischen drei Elementen: Learning Outcomes → Lernaktivitäten → Assessment. Wenn das Prüfungsformat nicht zu den Lernzielen passt, entstehen strategische Lernende, die für die Prüfung und nicht für die Kompetenz lernen.

Didaktische Kohärenz
Constructive Alignment (Biggs, 1996)

Lernziele, Lernaktivitäten und Prüfungsformat müssen ein stimmiges Dreieck bilden. Wenn ein Lernziel «theologisch urteilen können» heisst, darf die Prüfung nicht nur Faktenwissen abfragen.

In der theologischen Lehre ist der häufigste Bruch: Lernziel = Urteilen (Ethik, Exegese), aber Prüfung = Reproduktion (Definitionen, Chronologien). Das Constructive Alignment zwingt zur Überprüfung des gesamten Lehrdesigns.


Träges Wissen

Als «träges Wissen» (inert knowledge, Whitehead, 1929) bezeichnet man Wissen, das zwar abrufbar ist, aber nicht spontan auf neue Situationen übertragen wird. Studierende können eine Definition auswendig — aber wenn das Konzept in einem anderen Kontext auftaucht, erkennen sie es nicht.

Träges Wissen entsteht, wenn Lernen kontextfrei stattfindet: reine Reproduktion, Karteikarten ohne Anwendung, Vorlesungen ohne Verarbeitung. Es ist das Hauptproblem bei faktenlastigem Unterricht in der Theologie.

Prävention trägen Wissens
Situated Learning / Contextualization

Wissen, das in situierten Kontexten gelernt wurde — in Diskussionen, Szenarien, Fallbearbeitungen — ist später abrufbarer als deklarativ gelerntes Wissen. Die Methoden dieses Systems sind direkt auf die Überwindung trägen Wissens ausgerichtet.


Kognitive Aktivierung

Kognitive Aktivierung beschreibt Lernumgebungen, in denen Studierende nicht nur Information aufnehmen, sondern aktiv denken, verbinden, beurteilen. Der Effekt auf Behaltensleistung und Transferfähigkeit ist empirisch gut belegt (Hattie, 2009).

Das Paradox: Viele Lehrpersonen sind kognitiv sehr aktiv (sie bereiten vor, strukturieren, erklären), während die Studierenden passiv rezipieren. Didaktisch wirksam ist es umgekehrt: Die Lehrperson reduziert, die Studierenden erarbeiten.

Sandwich-Prinzip / Rhythmisierung

Die Forschung zeigt, dass Aufmerksamkeit nach etwa 15–20 Minuten Frontalinput deutlich nachlässt. Das Sandwich-Prinzip (Wahl, 2006) empfiehlt daher einen regelmässigen Wechsel von Input-Phasen und aktiven Verarbeitungsphasen:

Sandwich-Struktur
Rhythmisierung / 20-Minuten-Regel

Aktivierung (Vorwissen, Pre-Test) → Input I (max. 15–20 Min.) → Verarbeitung (Diskussion, Aufgabe) → Input IIVerarbeitungSicherung

Testing Effect / Retrieval Practice

Das Abrufen von Wissen (nicht nur das Lesen oder Zuhören) verstärkt die Gedächtnisspur nachweislich stärker als jede andere Lernstrategie (Roediger & Karpicke, 2006). Besonders wirksam ist das Abrufen mit leichtem Fehlerrisiko («desirable difficulty»).

Für die Lehre bedeutet das: Jede Sitzung sollte mit einem Abruf der vorherigen Inhalte beginnen — nicht mit neuem Input. Das ist die evidenzbasierte Grundlage für Pre-Testing.


Kooperatives Lernen

Kooperatives Lernen ist mehr als Gruppenarbeit. Johnson & Johnson (1994) unterscheiden fünf Merkmale, die echte Kooperation von «Alibi-Gruppenarbeit» trennen:

5 Merkmale kooperativen Lernens
Johnson & Johnson, 1994

1. Positive Interdependenz (jeder braucht die anderen) · 2. Individuelle Verantwortung · 3. Direkte Interaktion · 4. Soziale Kompetenzen einüben · 5. Gruppenreflexion über den Prozess

Positive Interdependenz

Das wichtigste Merkmal: Eine Aufgabe ist so gestaltet, dass sie nur durch echte Zusammenarbeit lösbar ist. Wenn jede Person auch alleine arbeiten könnte, entsteht keine Kooperation. Das Gruppen-Puzzle (Jigsaw) ist das stärkste strukturelle Mittel zur Herstellung positiver Interdependenz.


Formatives Assessment

Formatives Assessment ist Beurteilung während des Lernprozesses — nicht am Ende. Es dient der Steuerung, nicht der Benotung. Black & Wiliam (1998) zeigen in ihrer Metaanalyse, dass formatives Assessment zu den stärksten Effekten auf Lernerfolg überhaupt gehört.

Der Unterschied: Summatives Assessment (Prüfung am Semesterende) misst, was gelernt wurde. Formatives Assessment (Muddiest Point, Pre-Test, Peer-Feedback) steuert, was noch gelernt werden muss.

CAT-Methoden (Classroom Assessment Techniques)

Angelo & Cross (1993) haben über 50 Classroom Assessment Techniques dokumentiert. Die wichtigsten für den theologischen Kontext:

Muddiest Point
CAT · Angelo & Cross, 1993

«Was ist mir nach dieser Sitzung noch am unklarsten?» — 2 Minuten, anonym auf Karten. Einfachste und informativste Rückmeldung für die Lehrperson.

One-Minute-Paper
CAT · Angelo & Cross, 1993

Zwei Fragen: «Was war die wichtigste Erkenntnis?» und «Was bleibt noch offen?» — kombiniert Reflexion und formatives Assessment in einem.

Wissensillusion
Illusion of Knowing / Dunning-Kruger

Studierende überschätzen ihr Verständnis nach Frontalinput regelmässig. Der Muddiest Point macht diese Lücke sichtbar — für Lehrperson und Studierende gleichermassen.


Metakognition

Metakognition bezeichnet das Nachdenken über das eigene Denken und Lernen. Studierende mit hoher metakognitiver Kompetenz wissen, was sie wissen und was sie nicht wissen — und können ihr Lernverhalten entsprechend steuern.

In der Theologie ist Metakognition besonders relevant, weil vieles latent als «bekannt» gilt (Bibeltexte, kirchengeschichtliche Ereignisse), ohne wirklich tief verankert zu sein. Methoden wie Muddiest Point, Debriefing und Lernjournal fördern gezielt metakognitive Kompetenz.


Situiertes Lernen

Situiertes Lernen (Lave & Wenger, 1991) geht davon aus, dass Lernen immer in einem sozialen und physischen Kontext stattfindet — und dass dieser Kontext entscheidend für den Transfer ist. «Wissen, das im Kontext seiner Anwendung erworben wurde, wird auch im Kontext seiner Anwendung abgerufen.»

Für die theologische Lehre: Wenn Exegese immer mit konkreten Situationen verknüpft wird (Trauerseelsorge, Gemeindekonflikte, ethische Dilemmata), ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Studierende exegetisches Handwerk später im Beruf tatsächlich anwenden.

Situations as Starting Points (SSP)
Kaiser / EHB · Situationsdidaktik

Eine konkrete Situation aus der theologischen Praxis als Ausgangspunkt jeder Lerneinheit. Nicht: «Heute besprechen wir Röm 8» — sondern: «Eine Person fragt Sie: Warum hat Gott das zugelassen? Wir schauen uns Röm 8,28 an.»